Retatrutid: was bisher bekannt ist

Retatrutid ist ein Wirkstoff, der in klinischen Studien bei Adipositas und Typ-2-Diabetes geprüft wird. Er setzt gleichzeitig an drei Hormonrezeptoren an: GIP, GLP-1 und Glukagon. Zugelassen ist Retatrutid weder in Österreich noch in der EU; es gibt also kein Arzneimittel mit diesem Wirkstoff, das in einer Apotheke erhältlich wäre. Dieser Beitrag fasst veröffentlichte Studienergebnisse zusammen und erklärt, warum Angebote im Internet ein Risiko sind.

Wirkprinzip: drei Angriffspunkte

Laut den Studienpublikationen ist Retatrutid ein Agonist an den Rezeptoren für GIP (glukoseabhängiges insulinotropes Polypeptid), GLP-1 (Glucagon-like Peptide-1) und Glukagon. Zum Vergleich: Semaglutid, der Wirkstoff von Wegovy und Ozempic, wirkt laut Produktinformation am GLP-1-Rezeptor, Tirzepatid in Mounjaro an den Rezeptoren für GIP und GLP-1. Bei Retatrutid kommt der Glukagonrezeptor als dritter Angriffspunkt hinzu, deshalb ist oft von einem Dreifach-Agonisten die Rede. In den Studien wurde es einmal wöchentlich unter die Haut gespritzt.

Aus den veröffentlichten Ergebnissen lässt sich nicht ableiten, dass Retatrutid besser wirkt als zugelassene Präparate. Alle hier beschriebenen Studien haben Retatrutid mit Placebo verglichen, nicht mit Semaglutid oder Tirzepatid.

Studienergebnisse zum Körpergewicht

Laut TRIUMPH-2-Publikation wird Retatrutid bei Adipositas, Typ-2-Diabetes und Begleiterkrankungen wie Kniearthrose und Schlafapnoe untersucht. Die Tabelle fasst drei veröffentlichte Studien zum Körpergewicht zusammen, eine der Phase 2 und zwei der Phase 3. Alle waren doppelblind und placebokontrolliert und wurden vom Hersteller Eli Lilly finanziert; angegeben ist die mittlere Gewichtsveränderung am Studienende.

StudieTeilnehmendeDauerRetatrutidPlacebo
Phase 2 (New England Journal of Medicine 2023)338 Erwachsene mit Adipositas oder mit Übergewicht und Begleiterkrankung48 Wochen-8,7 % (1 mg) bis -24,2 % (12 mg)-2,1 %
TRIUMPH-1, Phase 3 (New England Journal of Medicine 2026)2339 Erwachsene mit Adipositas ohne Diabetes80 Wochen-17,6 % (4 mg), -23,7 % (9 mg), -25,0 % (12 mg)-3,9 %
TRIUMPH-2, Phase 3 (The Lancet 2026)1152 Erwachsene mit Übergewicht oder Adipositas und Typ-2-Diabetes80 Wochen-11,9 % (4 mg), -16,8 % (9 mg), -18,8 % (12 mg)-5,1 %

Was die Zahlen bedeuten und was nicht

In der Phase-2-Studie hatten nach 48 Wochen 83 % der Teilnehmenden mit 12 mg mindestens 15 % ihres Körpergewichts verloren, unter Placebo 2 %. In TRIUMPH-1 wurden außerdem 574 Teilnehmende mit Kniearthrose und 243 mit obstruktiver Schlafapnoe gesondert ausgewertet: Knieschmerzen und der Apnoe-Hypopnoe-Index, also die Zahl der Atemaussetzer und Atemabflachungen pro Stunde, gingen unter Retatrutid stärker zurück als unter Placebo. Bei Menschen mit Typ-2-Diabetes fiel der Gewichtsverlust in TRIUMPH-2 geringer aus als in TRIUMPH-1 ohne Diabetes.

Die Werte sind Mittelwerte unter Studienbedingungen. Sie sagen nichts darüber aus, was im Einzelfall zu erwarten wäre, und sie ersetzen nicht die Prüfung durch eine Arzneimittelbehörde. Die längste der hier beschriebenen Studien lief 80 Wochen.

Nebenwirkungen in den Studien

Am häufigsten waren in allen drei Studien Magen-Darm-Beschwerden. In der Phase-2-Studie traten sie dosisabhängig auf, waren meist leicht bis mäßig und fielen mit einer niedrigeren Startdosis (2 statt 4 mg) teilweise geringer aus. Die Herzfrequenz stieg dosisabhängig an, erreichte nach 24 Wochen ihren Höhepunkt und ging danach zurück.

Die TRIUMPH-2-Publikation nennt genauere Zahlen:

  • Durchfall: 27 bis 34 % mit Retatrutid, 13 % mit Placebo
  • Übelkeit: 14 bis 28 % mit Retatrutid, 8 % mit Placebo
  • niedriger Blutdruck: 1 bis 6 % mit Retatrutid, unter 1 % mit Placebo
  • Missempfindungen (Dysästhesie): 4 bis 7 % mit Retatrutid, 1 % mit Placebo
  • dauerhafter Abbruch wegen Nebenwirkungen oder Tod: 4 % (4 mg), 12 % (9 mg) und 8 % (12 mg), mit Placebo 5 %

Warum noch nicht alles über die Sicherheit bekannt ist

Die Autorinnen und Autoren von TRIUMPH-2 bewerten das Sicherheitsprofil als im Allgemeinen vergleichbar mit anderen Wirkstoffen, die am GLP-1-Rezeptor ansetzen. Für die zugelassenen GLP-1-basierten Arzneimittel nennen die Produktinformationen der EMA neben Magen-Darm-Beschwerden auch Bauchspeicheldrüsenentzündungen und Gallenblasenerkrankungen wie Gallensteine; eine Übersicht steht im Ratgeber Abnehmspritze: Nebenwirkungen.

Für Retatrutid gibt es keine solche Produktinformation. Erst mit einer Zulassung entsteht eine Fachinformation mit verbindlichen Angaben zu Dosierung, Gegenanzeigen, Wechselwirkungen und den Häufigkeiten aller bekannten Nebenwirkungen. Bis dahin stützt sich jede Aussage zur Verträglichkeit auf die Studienpublikationen.

Zulassung: Stand in Österreich und der EU

Im Arzneispezialitätenregister des BASG ist kein Arzneimittel mit dem Wirkstoff Retatrutid eingetragen. Da das Register auch die zentral in der EU zugelassenen Arzneimittel enthält, heißt das zugleich: Eine EU-Zulassung gibt es ebenfalls nicht. Veröffentlichte Studien sind noch keine Zulassung; dafür prüfen die Behörden Wirksamkeit, Sicherheit und Qualität in einem eigenen Verfahren. Ob und wann Retatrutid zugelassen wird, ist offen.

Ein Rezept über Retatrutid stellen wir nicht aus. Zur Gewichtsregulierung sind in Österreich GLP-1-basierte Arzneimittel mit Semaglutid, Tirzepatid und Liraglutid zugelassen; wie sie sich unterscheiden, beschreiben der Ratgeber GLP-1 und der Beitrag Mounjaro, Wegovy und Ozempic im Vergleich.

Warnung vor Angeboten ohne Zulassung

Auf Webseiten, Verkaufsplattformen und in sozialen Netzwerken werden laut BASG vermehrt Ampullen, Fläschchen oder Pens mit der Bezeichnung „GLP-1“ beworben. Die Warnung vom 27. Mai 2026 betrifft Produkte unter dieser Bezeichnung; Retatrutid nennt sie nicht namentlich. Laut BASG entspricht die Zusammensetzung solcher Produkte häufig nicht den Angaben, manche enthalten keinen oder einen anderen als den angegebenen Wirkstoff, und auf Verpackungen werden Behördenlogos missbraucht oder erfundene Zertifizierungen genannt. Nur zugelassene Arzneimittel unterliegen laut BASG einer behördlichen Kontrolle von Zusammensetzung, Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit. Der Vertrieb dieser Produkte ist laut BASG illegal, ihr Import aus dem Ausland strafbar.

Auch die Europäische Arzneimittelagentur EMA und die Leiter der nationalen Arzneimittelbehörden warnten im September 2025 vor illegal online verkauften Präparaten, die als GLP-1-Rezeptoragonisten wie Semaglutid, Liraglutid oder Tirzepatid beworben werden und andere Substanzen in schädlichen Mengen enthalten können; Retatrutid kommt in dieser Warnung ebenfalls nicht vor. Der Online-Verkauf verschreibungspflichtiger Arzneimittel ist in Österreich verboten. Auch ein Hinweis wie „nur für Forschungszwecke“ macht ein solches Angebot nicht zu einem geprüften Arzneimittel: Es ist nicht zugelassen, und keine Behörde prüft seine Zusammensetzung, Reinheit oder Wirkstoffmenge.

Haben Sie ein solches Produkt angewendet und bemerken Beschwerden, wenden Sie sich an eine Ordination, im Notfall an die Rettung unter 144. Bei Verdacht auf eine Vergiftung berät die Vergiftungsinformationszentrale unter 01 406 43 43. Hinweise auf illegale Angebote nimmt das BASG unter [email protected] entgegen.

Medizinische Prüfung: lek. Damian Wojno, Approbation Nr. 3211301, für MEDINOW Sp. z o.o. Eine ärztliche Beurteilung Ihres Falls kann dieser Text nicht ersetzen.

Ist Retatrutid in Österreich zugelassen?

Nein. Im Arzneispezialitätenregister des BASG ist kein Arzneimittel mit diesem Wirkstoff eingetragen. Weil das Register auch EU-weit zugelassene Arzneimittel enthält, besteht ebenso keine EU-Zulassung.

Kann man Retatrutid legal kaufen?

Nein. In Österreich und der EU ist kein Arzneimittel mit diesem Wirkstoff zugelassen, es gibt also keine legale Abgabe in Apotheken. Produkte, die im Internet unter der Bezeichnung „GLP-1“ angeboten werden, stuft das BASG als illegale Arzneimittel ein und nennt ihren Import aus dem Ausland strafbar; Retatrutid wird in dieser Warnung nicht namentlich genannt.

Wie viel Gewicht haben die Teilnehmenden in den Studien verloren?

In der Phase-3-Studie TRIUMPH-1 bei Erwachsenen mit Adipositas ohne Diabetes waren es nach 80 Wochen im Mittel 17,6 bis 25,0 % je nach Dosis, mit Placebo 3,9 %. Mit Typ-2-Diabetes fiel der Gewichtsverlust in TRIUMPH-2 geringer aus. Die Werte sind Studienmittelwerte, keine Vorhersage für den Einzelfall.

Welche Nebenwirkungen traten in den Studien auf?

Am häufigsten waren Magen-Darm-Beschwerden wie Durchfall und Übelkeit. Die Herzfrequenz stieg in der Phase-2-Studie dosisabhängig an. In TRIUMPH-2 kamen niedriger Blutdruck und Missempfindungen unter Retatrutid häufiger vor als unter Placebo.

Was unterscheidet Retatrutid von Mounjaro und Wegovy?

Semaglutid in Wegovy wirkt am GLP-1-Rezeptor, Tirzepatid in Mounjaro an den Rezeptoren für GIP und GLP-1. Retatrutid wirkt zusätzlich am Glukagonrezeptor. Ein direkter Vergleich mit diesen Präparaten fehlt in den hier beschriebenen Studien; verglichen wurde jeweils mit Placebo.

Wann kommt Retatrutid auf den Markt?

Dazu gibt es keine behördliche Angabe. Bevor ein Arzneimittel in Österreich abgegeben werden darf, muss es zugelassen sein; ob und wann das bei Retatrutid geschieht, ist offen.